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sabisteb

Sortierfreak

  • »sabisteb« ist der Autor dieses Themas

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1

Samstag, 7. November 2009, 19:28

Michael Tietz - Rattentanz



Meine Meinung :s5: :s5:

Der 23. Mai ist ein ganz normaler Mittwoch bis zu dem Zeitpunkt als um 7:00 der Strom ausfällt. Überall. Auch dann noch scheint der Tag vollkommen normal bis die ersten Flugzeuge vom Himmel stürzen und Tod und Vernichtung sähen.
Der Countdown beginnt bis zur ersten Morden, Plünderungen, Hunger und Tod.
Schon nach wenigen Stunden wird aus Ordnung Chaos und aus dem von Geburt an antrainierten Miteinander einer funktionierenden Gesellschaft ein egoistisches Gegeneinander.
Der Zusammenbruch trifft die Städter am stärksten. Nachdem die Geschäfte geplündert wurde, teilen Gangs die Viertel unter sich ein und beginnen die Bewohner zu tyrannisieren, aber irgendwann gehen allen Menschen in den Städten die Lebensmittel aus und die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Auf dem Lande jedoch hat man sich mittlerweile organisiert und abgeschottet, mit Straßensperren werden Flüchtlinge um die Ortschaften geleitet und von den noch halbwegs intakten dörflichen Gemeinschaften ferngehalten. Fremdes wird zu Bedrohung und jeder Mitesser zur Gefahr für das eigene Leben und das der eigenen Familie.

„Bisher waren es immer Kriege, die alles wegbrechen. Zuerst ein Konflikt, dann Krieg, dann Anarchie und Elend und Einsamkeit. Was aber folgt, wenn der Wegbrechen zuerst kommt?“ (S. 167). Dieser Frage geht der Autor Michael Tietz in seinem Erstling Rattentanz anhand vieler Einzelschicksale nach. Er erzählt die Geschichte des kleinen Schwarzwälder Ortes Wellendingen und seiner Bewohner. Er erzählt wie aus unauffälligen Menschen Helden und Führer werden, die die Gemeinschaft schützen und unterstützen, er erzählt von machtgierigen, korrupten Menschen, die diese Situation ausnützen wollen, um sich einen eigenen Machtbereich aufzubauen, und er erzählt von der Liebe eines Vaters und Ehemannes, die groß und Stark genug ist, ihn den Weg von Schweden nach Hause durch Tod und Chaos suchen zu lassen und der dabei nie die Hoffnung verliert, seine Frau uns seine Tochter doch noch lebend vorzufinden.
Der Autor hat eine unglaublich fesselnde, geradlinige Art zu erzählen. Er verzichtet auf blumige Umschreibungen und Vergleiche, aber vielleicht gerade dadurch versinkt man in der Geschichte. Die Menschen, die er beschreibt entsprechen keinen Archetyp, sie sind Menschen aus Fleisch und Blut wie jeder von uns. Sie haben viele Fehler, sind rachsüchtig, verrückt und grausam, aber auch hilfsbereit und stark. Die Katastrophe bringt in einigen von ihnen das Beste und in anderen das Schlechteste hervor.
Teils erinnert das Buch an Stepehn Kings „The Stand“ (S. 302), teils jedoch auch an John Christophers „Tal des Lebens“. Dieses Buch hat mich unglaublich beeindruckt und auch mitgenommen. Nach einiger Zeit mit diesem buch wurden mir viele der modernen Errungenschaften zeitweilig sehr gleichgültig und einige Dinge kamen mir schlichtweg sinnlos vor. Dieses Buch mach einem bewusst, wie unglaublich abhängig wir uns von der modernen Technik gemacht haben und wie hilflos wir ohne sie geworden sind, ja schon fast lebensunfähig.
Die Menschen des Buches, die überleben, sehen diese Katastrophe, diese moderne Sintflut jedoch auch als eine Chance sich wieder auf das Wesentliche des Menschseins zu konzentrieren. Aber worin besteht das Menschsein, was macht uns zu Menschen und unterscheidet und vom Tier? Was für eine Gesellschaft wird sich aus diesem Chaos erheben?

Diese Art von Zukunftsvision und Analyse der Gesellschaft die daraus entsteht ist nicht neu. Diese Art von Romanen waren in den 60er und 70er Jahren beliebt und der für mich bekannteste Autor dieses Genres ist John Christopher. Er entwickelte ähnlichen Gesellschaftsstudien basieren auf unwichtigen Kleinigkeiten, die jedoch große Katastrophen auslösen. In „Tal des Lebens“ vernichtet ein Virus sämtliche Gräser, in „World in Winter“ versinkt die nördliche Hemisphäre in Schnee und die Menschen flüchten nach Afrika und in „Pendulum“ ergreifen endlich einmal die jungen Menschen die Macht. Die Liste der möglichen Szenarien lässt sich beliebig weiterführen. Während John Christopher diese gesellschaftliche Analyse jedoch basieren auf den Erlebnissen meist einer Familie durchführt, Untersucht Michael Tietz größere menschliche Gemeinschaften und ihre Reaktion auf diese Katastrophen, aber beide Autoren kommen zu sehr ähnlichen Ergebnissen.

Michael Tietz ist für mich der deutsche John Christopher. Dieses Debüt ist für mich das beeindruckendste Buch des Jahres uns stellt „Ausgebrannt“ von Andeas Eschbach weit in den Schatten.

Natürlich ist auch dieses Buch nicht perfekt. Es weden einige Probleme angerissen, die danach leider nicht mehr weiter beobachtet werden. So explodiert in Frankreich ein Atomkraftwerk, die radioaktive Wolke scheint sich zum Glück nich nach Deutschland auszubreiten, aber andere müssen die Folgen sicherlich zu spüren bekommen. Auch die angesprochenen Havarien von Tankern lösen große Umweltkatastrophen aus, ganz zu schweigen von der Verseuchung des Trinkwassers durch die Leichenberge, die sich irgendwann überall um die Großstädte türmen. Wellendingen hat das Wasserproblem in den Griff bekommen und scheint das Glück zu haben, dass keine weitere Ortschaft an ihrem Flüßchen liegt, die den Bewohnern das Wasser verseuchen könnte, aber was ist mit den Menschen die flußabwerts von Wellendingen leben, nehmen diese so einfach hin dass die Bewohner ihre Wäsche in deren Trinkwasser waschen. Es wird eine Ortschaft erwähnt, die dieses Problem mit der Auslöschung des Dorfes am Oberlauf ihres Trinkwasserflusses löst, Wellendingen scheint in dieser Hinsicht Glück zu haben oder sein Wasser gut genug abzukochen.
Diese kleinen Lücken kann man jedoch verschmerzen, denn der Hauptaugenmerk des Buches liegt in der Beobachtung der Menschen und wie sie auf diese neue Situation reagieren und diese ist sehr gelungen.

Die Aufmachung des Buches ist außergewöhnlich. Das Papier ist von der gleichen Qualität wie der eines Bildbandes, nur dünner, etwas was mir schon sehr lange nicht mehr untegekommen ist, ausgestattet mit einem Lesebändchen und einem wunderbar gelungenen Einband, der düster und klaustrophobisch die Atmosphäre des Buches wiedergibt.

Für mich ein besonderes Bonbon: Das Buch spielt an vielen Orten die ich kenne wie Donaueschingen, das verleiht der Geschichte unglaubliche Realitätsnähe.
Ich kenne kaum ein Buch, bei dem sich so viele amazon Kunden so dermaßen einig in ihrer Bewertung sind. Lesen! Unbedingt Lesen!
What color is time? Where do the thoughts of the dead go? How is it diseases spread but miracles don't? Have you ever thought of that?
(Terra Incognita - Ruth Downie)
gelesen:
2008: 86 Bücher = 28.978 Seiten
2009: 90 Bücher = 36.443 Seiten
2010: 72 Bücher = 25.442 Seiten (1.7.2010)
Meine Rezis bei amazon

Sucette

Fortgeschrittener

Beiträge: 538

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Danksagungen: 5

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2

Freitag, 21. Mai 2010, 10:01

Ein Computervirus legt die gesamte moderne Welt lahm. Was wird aus dem Menschen, wenn sie plôtzlich wieder ins Mittelalter katapultiert werden.
Alles wird sehr ausführlich beschrieben, regelrecht quälend. Einerseits wird einem dabei recht gut klar, wie langsam und kompliziert alles abläuft und wie schwer es ist, das Leben wieder einigermaßen zu normalisieren, bzw überhaupt zu überleben. Andererseits macht das das Lesen doch recht langatmig.
Mir gefielen diese kurzen Schlaglichte auf das Leben verschiedener Menschen, die in ganz unterschiedlicher Art und Weise von der Katastrophe betroffen sind. Dadurch, dass man nur ganz wenig erfährt, denkt man es sich automatisch weiter und entwickelt einen persönlichen Bezug zu den Personen, man leidet praktisch mit, weil man sich ausmalt, was man selbst in dieser Situation tun würde. Auch wird einem sehr gut klar, was úberlebenskampf heißt. Kann man es mit sich vereinbaren ein Kind zurúckzulassen, was das eigene úberleben be- oder sogar verhindern wúrde? Versucht man auf den eigenen Vorteil zu bauen oder versucht man die Gemeinschaft zu unterstútzen? Das "úberleben des Stärkeren" bekommt plôtzlich eine neue Dimension, wenn man sich dabei ertappt, wie einem die Krankenschwester als ewig barmherzige Samariterin selbst auf den Keks geht.
Ich fand es allerdings ein bisschen problematisch, dass sich so schnell aus so vielen Menschen wilde, vergewaltigende, stehlende, mordende Bestien werden. Ein bisschen mehr Optimismus hätte ich schon gehabt... In manchen Ländern herrscht seit Jahren ein kriegsähnlicher Zustand und auch dort gibt es immerhin eine gewisse Organisation der Kriminalität und nicht nur tumbes Schlachten.
Ein Wunder übrigens, dass Eva bei dem ganzen Stress keine Fehlgeburt hatte.
Thomas hat mich ein wenig genervt. Die ständigen Stimmen in seinem Kopf sind mit der Zeit ermüdend.
Auch hätte ich gerne gewusst, wie die Regierungen der Länder mit der Katastrophe umgehen oder die Kirchen (auch andere religiöse Gruppen, Zeugen Jehovas, Juden, Muslime...), der Vatikan. Im Grunde genommen haben ja diese Institutionen die Aufgabe das Chaos zu bändigen.
Alles in allem lohnt sich das Buch aber. Man muss sich ab und zu durchkämpfen, aber die Thematik ist auch eher zum sorgfältigen Kauen, als zum schnellen Verschlingen gedacht.
:s4:
2010 gelesene Bücher: 74

Seitenanzahl: 24.445

SuB: ca. 50

gekaufte Bücher: 21 8|

goat

Anfänger

Beiträge: 36

Beruf: Bürokauffrau

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3

Samstag, 29. Mai 2010, 00:00

Michael Tietz - Rattentanz

Autor: Michael Tietz
Titel: Rattentanz
Originaltitel: -
Erschienen: 12. Mai 2010
Verlag: Ullstein Tb
ISBN10: 3548282512
ISBN13: 978-3548282510
Seitenanzahl: 837






Autorenportrait:

Zitat

Michael Tietz ist gelernter Krankenpfleger und lebt mit Frau, Sohn und Hund im Südschwarzwald.
Die Idee zu diesem Buch kam ihm beim Anblick eines gewöhnlichen Bleistifts: Wie überlebensfähig sind wir an Wohlstand, volle Geschäfte, Strom und alle anderen Segnungen moderner Zivilisation gewöhnte Mitteleuropäer, wenn all diese Sicherheiten von einer Minute auf die andere wegbrechen? Wie stark ist unsere Gesellschaft, wie haltbar das soziale Geflecht, in dem wir unser Leben leben? Was passiert, wenn einer den ganz großen Schalter umlegt?

Die Arbeit an „Rattentanz“ nahm – vom ersten Gedanken bis zum letzten Wort - drei Jahre in Anspruch. Das Ergebnis überzeugt mit einer ebenso temporeichen wie hintergründigen Handlung sowie glaubhaften und lebensnahen Charakteren.


Inhaltsangabe:

Zitat

23. Mai, 7.00 Uhr: Eva Seger hat die Frühschicht im Krankenhaus angetreten, ihr Mann Hans ist geschäftlich in Schweden. Da bricht von einer Sekunde zur anderen das weltweite Stromnetz zusammen. Flugzeuge stürzen vom Himmel, nichts funktioniert mehr, Chaos, Gewalt und Anarchie regieren. Für Eva und Hans geht es ums Überleben - und darum, nach Hause zu kommen, zu ihrer Tochter.




Eigene Meinung: Nach einer Leseprobe dieses Buches, musste ich es unbedingt haben, und meine Erwartungshaltung war von Anfang an sehr hoch. Ein Debüt mit über 800 Seiten noch dazu mit einem so brisanten Thema, ist sicher nicht leicht.
Aber in meinen Augen hat Michael Tietz ein brillantes Meisterwerk hingelegt. Drei Jahre Arbeit haben sich gelohnt und ich habe jedes Wort aufgesogen.

Bei der Dicke des Buches war ich zunächst etwas skeptisch, ob der Autor sich mit langen Erklärungen aufhält. Aber die Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Der Leser wird gleich mitten ins Geschehen gezogen und mit den Fakten konfrontiert. Im Gegensatz zu den Figuren, kennt der Leser die Ursache dieses ganzen Zusammenbruchs, und genau das hat mich so manches mal zu einer Pause gezwungen und ich habe mir immer Gedanken darüber gemacht, wie der Autor dieses oder jenes Problem zum Schluss hin gelöst hat. Oder zum Beispiel, wie ich selber reagieren würde, wenn es zu so einem Totalzusammenbruch kommen würde.

Allein der Gedanke, wie schnell der Mensch zum Tier wird und wie brutal und gefühlskalt der Hunger den Menschen werden lässt, hat mir eine Gänsehaut bereitet. Den Plünderern und Mördern stehen Tür und Tor offen, denn sämtliche Gesetze treten außer Kraft. Es gibt weder Schutz noch Sicherheit.

Michael Tietz springt von einem Szenario ins nächste und der Leser lernt wahnsinnig viele unterschiedliche Figuren kennen. Manche begleiten uns nur ein kurzes Stück, andere wiederum begleiten uns durch das ganze Buch hindurch. Aber sie alle haben etwas gemeinsam: Egal wie intensiv ich sie kennengelernt habe - sie haben mich, jeder auf seine Art, berührt - positiv wie negativ. Ich konnte mich keiner von ihnen entziehen.

Fasziniert hat mich die hervorragende Recherche des Autors. Das Ganze dann auch noch so spannend umzusetzen, wie es ihm gelungen ist, das schaffen nur wenigen Autoren. Für mich gehört der Roman eindeutig in die Bestsellerliste.
Ich musste die Geschichte erstmal ein paar Tage sacken lassen, bevor ich dazu etwas schreiben konnte und noch immer beschäftigt mich dieses Buch.
Ich würde gern noch so viel dazu schreiben, aber irgendwie fehlen mir die passenden Worte.

Danke, Michael Tietz! Den nächsten Roman werde ich mit Sicherheit auch lesen. Jede dieser 837 Seiten war ihr Geld wert!!! Fünf Sterne für einen herausragenden Roman!

:s5:

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